Aus dem Allgäu in die Welt
Die Artisten – Familie Kroll
Fliegende Menschen in der Stahlkugel –
Vier Brüder. Eine Kugel aus Stahl. Hundert Sachen Wahnsinn.
Autor: Redaktion Hofmühle Immenstadt | Datum: Mai 2025 | Lesedauer: ca. 5 Minuten | Kategorie: Geschichte · Allgäu

Aus dem Allgäu in die Welt
Fliegende Menschen in der Stahlkugel
Es beginnt im Keller einer Allgäuer Brauerei in Sonthofen. Ein ehemaliger Rennfahrer, dem das Hochwasser des Jahres 1954 Werkstatt und Existenz genommen hat, kauft bei einem Schrotthändler eine alte Stahlkugel. Fünf Meter Durchmesser, fünfzig Zentner schwer, 368 Schrauben – und eine Idee, die das Leben seiner ganzen Familie für immer verändern soll. Walter Kroll und seine Söhne werden zur vielleicht spektakulärsten Artistenfamilie, die das Allgäu je hervorgebracht hat.
Der Vater: Walter Kroll
Wer Walter Kroll war, lässt sich in einem Satz sagen: ein Mann, der nie aufgab. Als Werksrennfahrer für DKW und Auto-Union jagte er Seite an Seite mit Legenden wie Bernd Rosemeyer und Werner Haas über die Rennstrecken Europas. Bis 1952 war er bei allen großen Rennen dabei – dann zog er sich vom aktiven Motorsport zurück und eröffnete in Sonthofen eine Motorrad-Reparaturwerkstatt.
Das Hochwasser 1954 machte innerhalb weniger Stunden alles zunichte. Die Werkstatt war zerstört, die Familie stand vor dem Nichts – Vater, Mutter, eine Tochter und vier Söhne. Ein bekannter Schausteller gab den entscheidenden Rat: „Macht doch irgendeine Sensation.“ Walter Kroll ließ sich diesen Gedanken durch den Kopf gehen. Je länger er nachdachte, desto klarer wurde ihm: Er hatte das Blut eines Rennfahrers – und seine Söhne hatten es geerbt.

- Westfalenpost, April 1964 -
„Walter Kroll, Arrangeur dieser Schau mit den fliegenden Menschen, war einst ein tüchtiger Rennfahrer und Stallgefährte Bernd Rosemeyers. Es hat langer und harter Trainingsarbeit bedurft, um seine vier Söhne auf diese Glanznummer vorzubereiten.“
Der Beginn – im Brauereikeller
Den ersten Schritt wagte Walter Kroll im Keller einer Sonthofener Brauerei. Dort installierte er die bei einem Schrotthändler erstandene Stahlkugel und begann mit dem Training. Die bayerische Landesregierung erfuhr davon – und verbot die Übungen kurzerhand. Doch Kroll ließ nicht locker, wies alle Sicherheitsvorkehrungen nach, und das Verbot wurde Schritt für Schritt gelockert. Die Kroll-Truppe durfte in die Kugel – und ließ nie mehr los.
Was folgte, waren harte, entbehrungsreiche Jahre. Aber schon bald formte sich eine Nummer, die in ganz Deutschland ihresgleichen suchte: Gleichzeitig mit drei Motorrädern durch eine Stahlkugel rasen – kreuz und quer, mit Loopings, bei hundert Stundenkilometern – das hatte vor den Krolls noch niemand gewagt.
Die vier Söhne
Vier Brüder, ein Team – jeder kennt den anderen nicht nur mit den Augen, sondern auch mit den Ohren. Bei hundert Stundenkilometern in einer fünf Meter großen Kugel ist Sehen kaum möglich. Es ist das Gehör, das zählt: Jeder hört, auf welchem Kurs der andere daherbraust, und reagiert in Bruchteilen von Sekunden.
Manfred – der jüngste Rennfahrer der Welt
Wenn eine Person das Herz der Kroll-Nummer war, dann Manfred – der Jüngste, der Star, der Junge, dem das Publikum die größten Beifallsstürme schenkte. Mit zwei Jahren saß er bereits auf dem Beifahrersitz von Vater Krolls Motorrad, mit sechs Jahren bestritt er seine erste Fahrt durch die Stahlkugel – damals im Brauereibeller von Sonthofen. Als Elfjähriger war er nach Zeitungsberichten der jüngste Motorradartist der Welt.
Lüdenscheider Rundschau, Mai 1965
„Der elfjährige Manfred Kroll aus Sonthofen im Allgäu ist der Star auf dem Kirmesplatz. Er rast – allerdings nur während der Nachmittagsvorstellungen – mit seinen Brüdern auf einer Spezialmaschine in einer Stahlkugel.“
Dass Manfred trotz seines Artistenlebens die Schule nicht vernachlässigte, war Papa Kroll wichtig: Rund 30 verschiedene Volksschulen besuchte der Junge in einem einzigen Jahr – an jedem Gastspielort eine andere, täglich, wie jedes andere Kind in seinem Alter. „Schulschwänzen gibt es bei uns nicht“, lautete das väterliche Gesetz. Und Manfreds Notenheft war voll mit Einser und Zweier.

Die Phosphorfahrt – wenn das Licht erlischt
Tagsüber war die Kroll-Nummer schon atemberaubend. Aber abends, wenn die Dunkelheit über den Kirmesplatz fiel, legte die Truppe noch eine Schippe drauf: Günter Kroll, der Älteste, fuhr seine Runden im Phosphorhemd. Bei völliger Dunkelheit – nur das Motorengeräusch, nur das grünlich-weiße Aufleuchten des Trikots – jagte er durch das Stahlgeflecht der Kugel. Den Zeitungsberichten zufolge hielt dieser Anblick die Zuschauer buchstäblich den Atem an.
General-Anzeiger, Juli 1964
„In den Abendstunden zeigt der älteste der Brüder die berüchtigte Phosphorfahrt. Eine Leistung, die kaum noch zu überbieten ist: Bei völliger Dunkelheit jagt er über das Stahlgeflecht, während sein Trikot grünlich-weiß fluoresziert.“
Eine Familie auf Rädern
Von März bis Oktober war die Kroll-Truppe unterwegs: Gelsenkirchen, Siegburg, Schwerte, Remscheid, Salzgitter, Paderborn, Lüdenscheid, Papenburg, Wermelskirchen – und viele Orte mehr. Überall das gleiche Bild: Die Schausteller bauen auf, die Kugel wird aus 18 Teilen zusammengefügt, 368 Schrauben werden gezogen. Eigenhändig, von den Brüdern selbst.
Zwischen den Auftritten lebte die Familie im Wohnwagen. Werner Kroll hatte mit seiner Familie eine neue Heimat im Allgäu gefunden – in Sonthofen, von wo aus sie jedes Jahr wieder aufbrachen, um Deutschland zu begeistern.
1952
Walter Kroll beendet seine aktive Rennfahrerkarriere (u.a. mit DKW / Auto-Union, an der Seite von Bernd Rosemeyer und Werner Haas).
1954
Hochwasserkatastrophe in Sonthofen vernichtet Krolls Motorrad-Werkstatt. Erwerb der ersten Stahlkugel bei einem Schrotthändler – Beginn des Trainings im Brauereibeller.
ab 1954
Erstes öffentliches Auftreten – zunächst verboten, dann nach Sicherheitsnachweis genehmigt. Die Kroll-Truppe gastiert auf Volksfesten und Kirmessen in ganz Deutschland.
1964–1966
Zahlreiche Zeitungsberichte belegen die deutschlandweite Popularität. Manfred Kroll gilt als jüngster Motorradartist der Welt. Die Truppe feiert ihre größten Erfolge.
Ein Allgäuer Original
Die Kroll-Truppe stand für etwas, das in der Welt der Schausteller selten war: echte Leistung statt billiger Effekthascherei. Vater Walter Kroll legte großen Wert darauf, und die Zeitungen jener Jahre bestätigen es unisono – die Krolls galten als „Spitzenkönner“, ihre Nummer als „Weltattraktion“.
Ihre Geschichte ist aber auch eine typisch Allgäuer Geschichte: ein Schicksalsschlag, der zum Neuanfang zwingt, handwerkliches Können, das zur Kunst wird, und eine Familie, die zusammenhält. Von Sonthofen aus in die ganze Republik – und zurück.
Autor: Redaktion Hofmühle Immenstadt | Datum: Mai 2025 |
Lesedauer: ca. 5 Minuten | Kategorie: Geschichte · Allgäu


